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Das russische Zarenreich

Innenpolitik

  • Autokratie (=Selbstherrschaft; Sie vereint als Staats- bzw. Regierungsform alle Kompetenzen des politischen Systems in einer zentralen Kraft und sieht in keiner Weise die Beteiligung des Volkes an der Staatsgewalt vor. Als Autokratien gelten u.a. die absolute Monarchie und die Diktatur. (KM, S. 116))
  • größere Machtfülle des Zaren als in den europäischen Staaten und höhere Zentralisierung
  • keine Institutionen wie Ständeversammlung
  • Zar als Zentralorgan: Legislative, Judikative, Exekutive in sich vereint
  • Legitimation durch Gottesgnadentum (monarchische Legitimation, monarchisches Prinzip)
  • Stützen des Zarenreiches: orthodoxe Kirche, Armee, übergroße Beamtenschaft, Polizeistaat (→ keine öffentlichen Diskussionen)
  • Befreier-Zar Alexander II (1855 – 1881): Reformen von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft:
    • Verkündung der Bauernbefreiung am 19. Februar (3. März) 1861: persönliche Freiheit der Bauern im Sinne der individuellen Rechtsfähigkeit, Land bleibt Eigentum der Grundherren, Bauern erhalten Landanteile zur Nutzung, deren Größe sich je nach Bodenbeschaffung und Größe richtete, bis zum käuflichen Erwerb der Landanteile Ablösungszahlungen und Dienste, „Bettelanteil“: ein Viertel der eigentlich zugestandenen Landanteile, wobei alle Ablösungsschulden getilgt werden, Dorfkommune bleibt bestehen, Abzahlung der Landanteile innerhalb von 49 Jahren (bis 1900) → Landnot der Bauern bleibt
    • Stärkung der Selbstverwaltung ländlicher und städticher Einrichtungen (Semstwo bzw. Stadtduma) in den Gebieten: Erziehung, Gesundheit, Verkehr, örtliche Wirtschaft, Begünstigung einer politischen Öffentlichkeit 1864: Justizreform: Prinzip der Legalität, Elemente der Rechtsstaatlichkeit (weitgehende Abschaffung der Standesgerichtshöfe), Geschworenengerichte, Öffentlichkeit von Gerichtsverfahren, unabhängige Anwaltskammer → trotzdem bleibt der Einfluss des Adels
  • Nach Alexander II wird wieder ein reaktionärer Kurs verfolgt!
  • →(Wieder-)Verschärfung der Krise des Zarenreich

Außenpolitik

  • prestigeorientiert (→ Ablenkung von inneren Problemen): expansiv/imperialistisch (→ kontinental), nationalistisch (auf Zar bezogen, nicht auf Nationalitäten), risikoreich, provozierend, ehrgeizig, Hegemonie → Panslawismus (Zusammenschluss aller slawischen Völker unter russischer Führung, allerdings gab es keine Einheit der slawischen Völker, z.T. sogar Feindschaften)
  • Expansionspolitik wird nur durch militärisch ebenbürtige Großmächte begrenzt
  • Diskrepanz zwischen Anspruch (Großmacht) und Wirklichkeit
  • Krimkrieg (1853 – 1856; Russland gegen Frankreich, GB, Osmanisches Reich): Pariser Frieden von 1856: Abtretung der Territorien im Donaumündungsgebiet, Aufgabe des Protektorates über die Donaufürstentümer (seit 1861 Rumänien), Verzicht auf die Schutzherrschaft über die orthodoxen Christen im Osmanischen Reich, vorübergehender Abzug der russischen Flotte aus dem Schwarzen Meer
  • → Prestigeverlust, wirtschaftliche und militärische Unterlegenheit und Rückständigkeit Russlands gegenüber den europäischen Großmächten wird deutlich, russische Bevölkerung: Demütigung
  • Niederlage im Russisch-Japanischen-Krieg (1904/05): Verlust kurz zuvor eroberter Gebiete

Gesellschaft

Adel Großgrundbesitzer, hohe Beamte, Offiziere 1,40%
Großbürger Unternehmer, Kaufleute, Beamte 3,90%
Kleinbürger kleinere Angestellte, Handwerker 14,00%
Kulaken = reiche Bauern 15% der Bauern 80%
Mittelbauern 20% der Bauern
kleine Bauern und Landarbeiter 65% der Bauern
Industriearbeiter 5,00%
  • Agrargesellschaft
  • Ständeordnung:
    • Adel: keine ständischen und politischen Mitbestimmungsrechte, angewiesen auf Herrschergunst
    • Leibeigene (Mitte 19. Jh. ¾ der Bevölkerung): Kron- oder Gutsbauern auf Gütern der Krone oder auf Privatbesitz des Erbadels, Eigentum ihrer Herren, keinerlei Rechte
    • Bürgertum (Kaufleute, Handwerker): war in Russland unbedeutend
    • ab 1830er Intelligenzija (Begriff seit 1860) an den Universitäten: junge Adlige oder andere Gebildete, die revolutionär gestimmt sind, weil sie Leibeigenschaft und adlige Privilegien nicht als Selbstverständlichkeit sehen. Auch haben sie Schuldgefühle wegen der niedrigen/elenden Lebensbedingungen der Bevölkerung
  • Volk: „guter Zar“ ↔ „böse Beamtenschaft“ (s. IP: Offizielle russische Staatideologie)
  • Vielvölkerstaat:
    • seit der territoriale Expansion 16Jh.: Slawen, Letten, Finnen, Balten, Türken, Tartaren, Ost-Ukrainer, Kalmücken, Baschkiren, Deutschbalten, Litauer, Polen, Juden
    • Volkszählung 1897: 55% Nichtrussen, Gesamtbevölkerung 125 Millionen
    • nationales Selbstbewusstsein war auf den Zar bezogen (Untertanen des Zaren, keine Russen)
    • ab 1850er: kulturelle und sprachliche Russifizierungspolitik → Bsp. Polnischer Aufstand 1863/64: militärische Niederschlagung, Verlust der Autonomierechte, Russisch als Verwaltungssprache
    • Kaukasuskrieg (1817-1864) Russland gegen Nordkaukasusethnien
  • Kampf gegen katholische Kirche (Auflösung von Klöstern, Untersagung des Kontaktes mit Rom)
  • ab 1881: Nationalismus gegenüber Juden (Antisemitismus: Sondersteuern, Einschränkung der Berufsausübung und Wohnortwahl, Zuweisung der Verantwortlichkeit für (anarchistische) Anschläge, …)
  • allgemeine Russifizierungspolitik → Verstärkung der einzelnen Nationalbewegungen
  • → zusätzliche Destabilisierung der Monarchie

Wirtschaft

  • ab 1860er: „Modernisierung von oben“, trotz dessen blieb Russland ein Agrarland
  • → Schaffung von Voraussetzungen für den Import westlichen Kapitals:
  • Regierungsbanken, Erneuerung des Kreditwesens
  • → wirtschaftiche Erschließung des Landes und Schaffung eines Binnenmarktes
  • → staatlich forcierte Industrialisierung: Gründung von Staatsbetrieben und finanzielle Unterstützung von Unternehmen im Hüttenwesen, Konzentration auf Transportmaschinenbau (Eisenbahnbau), Maschinenbau und Schwerindustrie
  • → Eisenbahnnetz: Eisen-/Kohlereviere, zentrale Agrarregionen, Ausfuhrhäfen Ostsee/Schwarzes Meer verbunden
  • → Konzentration auf wenige (kostengünstige) Standorte: St. Petersburg, Moskau, Ukraine, Ölgebiete Transkaukasiens
  • → hohe Importzölle → Schutz vor ausländischer Konkurrenz
  • → importierte Technologie → modernster Stand
  • allmähliche Schaffung eines verelenden Proletariat: erst noch Verwurzelung im Dorf und dann Bildung einer eindeutig sozial abgegrenzten Arbeiterschaft, Arbeiterlebensbedingungen wie am Anfang der Industrialisierung in Westeuropa: Arbeiterkasernen, unkontrollierte Frauen- und Kinderarbeit, 13-Stundentage, Verbot von Gewerkschaften, 1897 Arbeitszeitbegrenzung auf 11,5 Stunden (durch Streik von (illegale) Gewerkschaftsorganisationen)