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Russische Revolution von 1905

Bis zum Februar 1918 galt in Russland der Julianische Kalender, der um 13 Tage hinter dem Gregorianischen Kalender zurückblieb. (Angaben im gregorianischen Kalender)

Gründe:

Krise des Zarenreichs Ende 19./Anfang 20. Jh.:

  • Unzulänglichkeit staatlicher Refomen (→ Bauernbefreiung: Landgut, Hunger, Armut)
  • Bevölkerungszuwachs (→ Arbeitsmangel, Landflucht)
  • 1861 – 1905 Verdoppelung der Bauernbevölkerung, Wachstum der Landanteile aber nur um 10%, (zu) hohe finanzielle Belastung durch Bauernbefreiung → Existenzkampf
  • Missernten 1891, 1892, 1897, 1902 → nationaler Notstand, Hungerkatastrophe für 30 – 40 Millionen Bauern
  • überkommene dörfliche Strukturen (→ mangelnde Produktivität)
  • verspätete Industrialisierung
  • forcierte Russifizierungspolitik
  • Zunahme der Opposition (Verfolgung durch den Staat); Träger: Intelligenzija
  • fehlende Effizienz staatlicher Verwaltung (→ Bürokratie)
  • Beharrung auf autokratischer Herrschaft: feste Verankerung in der russisch ländlichen Bevölkerung
  • Fehlschläge in der prestigeorientierten Außenpolitik (→ Ablenkung von inneren Problemen):
  • Niederlage im Krimkrieg (1853-56), Russisch-Japanischen-Krieg (1904/05)
  • → Streiks und Demonstrationen: Ausweitung zur revolutionären Krise: Höhepunkt: Blutsonntag

 Anlass:

Petersburger Blutsonntag, 9. Januar 1905: Marsch von hunderttausend Arbeitern in Sonntagskleidung zum Winterpalais des Zaren, mit Ikonen und Zarenbildern

Ziel: Bittschriften: bürgerliche Freiheiten, Parlament, Achtstundentag

Reaktion der Regierung: Soldaten marschieren auf: in Panik (vor der großen Menschenmenge): ca. 200 Tote

 Verlauf:

  • Mobilisierung und Radikalisierung der Bevölkerung: Streiks, Demonstrationen, Meutereien, Unruhen in Städten und auf dem Land, Bildung von Arbeiterräten (Sowjets = Räte; → Petrograder Sowjet bildet sich): Bauern enteignen willkürlich, Arbeiter streiken, Soldaten meutern, Studenten, Professoren und Intelligenzija demonstrieren, Regierung verliert Kontrolle über die Lage → freie Presse;
  • → Generalstreik (Unterstützung aller oppositioneller Gruppen)
  • Oktobermanifest lässt die Stimmung verebben → Revolution endet
  • auf Drängen der Bolschewiki ruft der Moskauer Sowjet zum bewaffneten Aufstand auf → Niederschlagung von zarentreuen Gardenregimentern nach 11 Tagen → Militärtribunale, Truppeneinsätze gegen die Bauernunruhen

 Forderungen:

  • der Bauern: Land, Nahrungsmittel
  • der nationalen Minderheiten: Unabhängigkeit, Religionsfreiheit, Demokratie
  • der Soldaten: bessere Verpflegung, keine wilkürlichen Befehle von Offizieren, kein Krieg
  • der Arbeiter: bessere Arbeitsbedingungen, Rechte

Maßnahmen:

  • Oktobermanifest (17.10.1905, Zar Nikolaus II.):
    • Bürger- und Menschenrechte
    • allgemeines Wahlrecht
    • Parlament (→ Duma); Gewaltenteilung im Ansatz (Duma → Legislative)
    • Kontrolle der Exekutive (→ Gesetzgenehmigung durch Duma)
    • → konstitutionelle Monarchie
    • Gründe für Oktobermanifest:
      • Russisch-Japanischer Krieg (1904/05): Expansionsrivalität in Ostasien mit Japan; vollständiger Verlust der russischen Flotte in der Seeschlacht von Tsushima (14/15 Mai 1905)
      •  Autoritätsverlust im Inneren und Prestigeverlust
      • Verschlechterung der Wirschaftslage: Anstieg der Arbeitslosigkeit, Exportmärkte brechen zusammen
      • Revolution
  • Verfassung vom 10. Mai 1906:
    • wird okroyiert (von „oben“ erlassen, statt von einer verfassungsgebenden Nationalversammlung erarbeitet)
    •  „Scheinkonstitutionalismus“
    • kein allgemeines Wahlrecht (Zensus)
    • keine Menschen- und Bürgerrechte
    • keine Gewaltenteilung
    • Abgeordnete besitzen keine Immunität
    • ein Parlament mit eingeschränkten Zuständigkeiten: Gesetzgebungsrecht der Duma an Unterschrift des Zaren gebunden, Regierung ist an Zar und nicht an Duma gebunden, Zar und Regierung können Gesetze erlassen und erst später der Duma zur Genehmmigung vorlegen, Armee, Außenpolitik, Notstand und Dumaauflösung bleiben in Zuständigkeitsbereich des Zaren, Zar löst die Duma mehrmals auf bis es eine konservative Mehrheit gibt und ändert das freie, allgemeine Wahlrecht in ein Zensuswahlrecht: Adel und Besitzbürgetrum bevorzugt

 Folgen:

  • keine grundlegene Gesellschaftsumgestaltung
  • vollständige Niederlage der reformbereiten Kräfte und Stärkung der radikalen Gruppen
  • Reformen (Pjotr Arakjewitsch Stolypin, 1862 – 1911, Innenminister und Ministerpräsident, Tödliche Verletzung beim Attentat eines Sozialrevolutionärs): Tilgung der Staatsschulden, Landreform (Ziel: Bildung zarentreuer Bauern → Zarenmythos): Neuland in Sibirien, Zentralasien, Kaukasien, Flurbereinigung (Abschaffung der Bodenzersplitterung), Möglichkeit der Ausscheidung aus der Mir (Dorfkommune) und Nutzung des Landes als Privateigentum, billige Kredite ermöglichen Landerwerb → Bildung einiger weniger Kulaken